Gibst du mir mal Hautfarbe?

Wenn der Zufall bestimmt, wo wir geboren werden, welche Daseinsberechtigung hat dann Rassismus? Doch existiert Rassismus im Alltag, der teilweise unbewusst zum Tragen kommt. Wie man ihn erkennt und was man dagegen tun kann, haben Charlotte Hellwig und Jana Engel nicht nur recherchiert. Sie schreiben ein Plädoyer für eine vorurteilsfreie und offene Welt, in der sich die Menschen aufgeschlossen und unvoreingenommen begegnen sollten.

Ich sitze im Kunstunterricht. Aufgabe ist es, ein Porträt zu malen. Meine Sitznachbarin fragt ihre Freundin nach einem hautfarbigen Stift und bekommt einen rosa-beige Ton gereicht.

Dürfen heutzutage Fragen wie „Woher kommst du?“ und „Was ist deine Nationalität?“ gestellt werden?

Rassismus ist auch heute noch ein Thema, das man nicht unbeachtet lassen sollte. Es reicht nicht, sich Texte über vergangene Taten in Bezug auf Rassismus durchzulesen. Denn er ist auch heute noch präsent. Er passiert vor der eigenen Nase, im eigenen Alltag. Und das leider seit so langer Zeit, dass er zur sozialen Gewohnheit zählt. Jeder kann offensichtliche rassistische Parolen erkennen. Was jedoch unbemerkt bleibt, ist der Rassismus, der sich eingebürgert hat. Dieser Alltagsrassismus wird in seiner Heftigkeit unterspielt, aber ist dabei nicht weniger verletzend für Betroffene als bewusste aggressive Angriffe. Scheinbar harmlose Fragen wie „Was ist deine Nationalität?“ oder „Ich mag deine Haare. Sie sind so anders. Darf ich mal anfassen?“ sind eine Form von Rassismus, da das Gegenüber anders behandelt wird als Menschen der gleichen Nationalität/Hautfarbe. Es herrscht eine Form von Ausgrenzung; auch wenn nicht beabsichtigt ist, das Gegenüber dadurch zu verletzen.
Er begegnet uns unbewusst wie etwa in Songs, die wir hören. Jeder weiß, dass bestimmte Bezeichnungen für dunkelhäutige Menschen beleidigend sind, trotzdem reden sich viele damit heraus, dass sie es nicht so gemeint hätten und es „nur ein harmloses Wort“ sei. Das Wichtige ist nicht nur, gegen Rassismus zu sein, sondern diesen zu erkennen und entsprechend darauf aufmerksam zu machen. In Deutsch-land etwa wird die Bezeichnung Rassismus häufig vermieden. Stattdessen wird von Begriffen wie „Fremdenfeindlichkeit“ Gebrauch gemacht, welche das Ausmaß an seelischer Verletzung, die rassistische Taten, herunterspielen. Die Ignoranz der Tatsachen ist das Problem. Tatsache ist, dass Menschen anderer Herkunft es schwieriger haben, einen Job oder eine Wohnung zu finden. Sie werden bewusst oder unbewusst ausgegrenzt und haben mit Vorurteilen zu kämpfen. Tatsache ist, dass Kinder von klein auf mit Alltagsrassismus vertraut gemacht werden und geradezu jeder Alltagsrassismus nicht erkennt, weil er eben der gewohnte Alltag ist. Er schränkt das normale Leben für Menschen anderer Herkunft und die Gleichberechtigung aller ein.
Wichtig zu erkennen ist, dass es nicht darum geht, dass Nicht-Betroffene denen, die Rassismus erleben, ein besseres Leben verschaffen, es geht darum, gemeinsam für alle das Zusammenleben gerecht und angenehm zu gestalten.
Alle Menschen sollten eine untrennbare Gemeinschaft bilden. Unsere Erde ist das, was uns miteinander verbindet, wir müssen gemeinsam gegen den Klimawandel kämpfen. Wieso also übertragen wir dieses Gemeinschaftsgefühl nicht auf alle Situationen? Wenn wir einen hautfarbigen Stift herausgeben sollen, muss sich daran erinnert werden, dass wir alle eine Gemeinschaft bilden, deren Hindernis nicht aus Unterschieden in Aussehen oder Herkunft besteht, sondern die mit den Unterschieden verbundene Diskriminierung.

Letztendlich ist ein Unterschied eine kleine Ungleichheit.

Letzendlich ist ein Unterschied eine kleine Ungleichheit. Eine andere Hautfarbe ist bloß eine Wahrnehmung durch unser Auge, die uns nichts über den Charakter des Menschen verrät. Wieso lassen wir Vorurteile aufgrund von der Farbwahrnehmung unseres Auges zu? Auch, wenn man positive Vorurteile hat wie beispielsweise, dass dunkelhäutige Menschen besser singen können, ist dies ein Vorurteil, welches fehl am Platz ist. Es geht um Gleichberechtigung, die von Vorurteilen aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Wenn dunkelhäutige Menschen von der Polizeit und beim Zoll besonders genau kontrolliert werden, ist das die Auswirkung von dem durch Generationen weitergebrachten Alltagsrassismus.
Dieser muss Schritt für Schritt abgeschafft werden, indem man die Existenz von Alltagsrassismus erkennt, vermeidet und eingreift.

Ein erster Schritt ist es, sich zu informieren, mit Rassismuserfahrenden in Kontakt zu treten und sich in dessen Situationen zu versetzen.
Du trägst keine Schuld an Rassismus, weil du „weiß“ bist, du trägst Schuld, wenn du nicht eingreifst und in deiner Denkweise verharrst. Deine Vorteile gilt es zu erkennen, die du als weißer Mensch hast.
Erkenne und benenne den Rassismus, den du mitbekommst. Kläre andere, die nicht sonderlich informiert sind, auf und hilf dabei, dass über Alltagsrassismus nicht länger hinweggesehen wird.
Fang doch an wie ich und reiche beim nächsten Mal nicht nur einen rosa-beigen Farbton.

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